Geschichte der Omega-3-Forschung

Von einer Expedition ins arktische Grönland bis zu über 31.000 wissenschaftlichen Publikationen: Wie Omega-3-Fettsäuren die Ernährungswissenschaft verändert haben.

Ringo Dühmke
Verfasst vonRingo Dühmke
Aktualisiert: 17. März 2026
Lesezeit: ca. 15 Min.

Wie alles begann

Die Geschichte der Omega-3-Forschung liest sich wie ein wissenschaftlicher Abenteuerroman. Sie beginnt mit einem rätselhaften Befund bei arktischen Robben- und Fischessern, führt über jahrzehntelange Laborarbeit und klinische Großstudien und mündet in einer der größten Erfolgsgeschichten der modernen Ernährungswissenschaft. Heute umfasst die wissenschaftliche Literatur zu Omega-3-Fettsäuren über 31.000 Publikationen. Kaum ein anderer Nährstoff (mit Ausnahme von Vitamin D) wurde so intensiv erforscht.

Dabei verlief der Weg alles andere als geradlinig. Es gab Durchbrüche und Rückschläge, überraschende Wendungen und anhaltende Kontroversen. Diese Geschichte zu kennen, hilft auch dabei, aktuelle Empfehlungen und Debatten rund um Omega-3-Fettsäuren besser einzuordnen.

1929: Die Entdeckung der essentiellen Fettsäuren

Die Grundlage für die gesamte Omega-3-Forschung legte ein amerikanisches Forscherehepaar: George Oswald Burr und Mildred Burr. In einer Reihe von Tierversuchen an der University of Minnesota stellten sie 1929 fest, dass Ratten, die eine komplett fettfreie Diät erhielten, schwere Gesundheitsprobleme entwickelten: Hautentzündungen, Wachstumsstörungen und schließlich den Tod. Sobald die Forscher bestimmte Fettsäuren wieder zur Nahrung hinzufügten, erholten sich die Tiere.

Damit war erstmals wissenschaftlich bewiesen, dass bestimmte Fettsäuren „essentiell" sind, also zum Überleben benötigt werden. Burr und Burr identifizierten die Linolsäure (eine Omega-6-Fettsäure) und die Alpha-Linolensäure (ALA, eine Omega-3-Fettsäure) als diese lebensnotwendigen Nährstoffe. Fette galten bis zu diesem Zeitpunkt in der Wissenschaft lediglich als Energielieferanten. Die Erkenntnis, dass sie eigenständige biologische Funktionen besitzen, war eine Revolution.

Allerdings dauerte es noch Jahrzehnte, bis die Bedeutung dieser Entdeckung vollständig verstanden wurde. Die Forschung konzentrierte sich zunächst auf Omega-6-Fettsäuren, die in pflanzlichen Ölen reichlich vorhanden waren. Omega-3-Fettsäuren blieben lange im Schatten, bis ein zufälliger Blick an den Rand der Arktis alles veränderte.

Die 1970er: Bang und Dyerberg gehen zu den Inuit

Im August 1970 brachen zwei dänische Kliniker von einem Krankenhaus in Aalborg auf: Hans Olaf Bang und Jørn Dyerberg. Ihr Ziel war die Nordwestküste Grönlands, genauer die Siedlung Uummannaq, rund 500 km nördlich des Polarkreises. Was die beiden Forscher dorthin trieb, war eine medizinische Anomalie: Berichte des grönländischen Amtsarztes legten nahe, dass die dort lebenden Inuit auffallend selten an Herzinfarkten starben, obwohl ihre Ernährung extrem fettreich war. Robben, Walspeck und fetter Fisch bildeten die Grundlage ihrer täglichen Nahrung.

Bang und Dyerberg nahmen Blutproben von 130 Inuit und verglichen die Ergebnisse mit denen von Dänen, die sich typisch westlich ernährten. Das Ergebnis, veröffentlicht 1971 im renommierten Fachjournal „The Lancet", war verblüffend: Die Inuit hatten niedrigere Triglycerid- und Cholesterinwerte als die Dänen. Doch die eigentliche Sensation verbarg sich in der Fettsäurezusammensetzung des Blutes.

Schlüsselergebnis von 1975

In einer zweiten Publikation (1975) identifizierten Bang und Dyerberg zwei bis dahin weitgehend unbekannte Fettsäuren im Blut der Inuit: Eicosapentaensäure (EPA) und Docosahexaensäure (DHA). Die EPA-Werte im Blut der Inuit waren siebenmal höher, die DHA-Werte viermal höher als bei den Dänen. Die Quelle dieser Fettsäuren war eindeutig: die marine Ernährung aus Fisch, Robben und Wal.

Bang HO, Dyerberg J, Hjorne N: Acta Med Scand (1976); 200:69-73

In einer dritten Veröffentlichung (1978) brachten Bang und Dyerberg die Puzzleteile zusammen: Sie zeigten, dass EPA die Blutplättchenaggregation hemmt, also die Bildung von Blutgerinnseln verlangsamt. Dies könnte erklären, warum die Inuit seltener Herzinfarkte erlitten. Damit war die Grundlage gelegt für die Hypothese, die die gesamte weitere Forschung antreiben sollte: Omega-3-Fettsäuren (EPA und DHA) aus der marinen Nahrungskette könnten das Herz-Kreislauf-System schützen.

Die Arbeit von Bang und Dyerberg löste eine Forschungslawine aus. Innerhalb weniger Jahre erschienen Hunderte von Studien, die den Zusammenhang zwischen Fischverzehr, Omega-3-Fettsäuren und Herzgesundheit untersuchten. Dyerberg selbst bemerkte später augenzwinkernd, dass die Zählung der wissenschaftlichen Publikationen im Jahr 1971 einfach gewesen sei, denn es gab nur eine einzige.

1980er und 1990er: Klinische Studien und der GISSI-Durchbruch

Die 1980er Jahre markierten den Übergang von der Beobachtung zum Experiment. In zahlreichen klinischen Studien wurden die Effekte von Fischöl-Supplementen auf verschiedene Herz-Kreislauf-Parameter getestet. Die Ergebnisse waren ermutigend: Fischöl senkte Triglyceride, verbesserte die Fließeigenschaften des Blutes und zeigte blutdrucksenkende Effekte. Parallel dazu wuchs das Verständnis der biochemischen Mechanismen, insbesondere der Eicosanoid-Synthese.

Einen wissenschaftlichen Meilenstein setzte 1982 der Nobelpreis für Medizin: Sune Bergström, Bengt Samuelsson und John Vane wurden für ihre Forschung zu Prostaglandinen und verwandten Substanzen ausgezeichnet. Diese Botenstoffe (Eicosanoide) werden aus Omega-3- und Omega-6-Fettsäuren gebildet und steuern Entzündungsreaktionen, Blutgerinnung und Gefäßspannung. Die Nobelpreis-Forschung lieferte das biochemische Fundament, auf dem die Gegenspieler-These von Omega-3 und Omega-6 aufbauen konnte.

Den bis dahin größten Durchbruch in der klinischen Forschung brachte 1999 die GISSI-Prevenzione-Studie aus Italien. In dieser Großstudie erhielten über 11.000 Patienten, die bereits einen Herzinfarkt überlebt hatten, täglich 1 g Omega-3-Fettsäuren (als Fischölkapsel) oder ein Placebo. Das Ergebnis war eindrucksvoll: In der Omega-3-Gruppe sank die Gesamtsterblichkeit um 20 % und die Sterblichkeit durch plötzlichen Herztod sogar um 45 %. Die GISSI-Studie wurde zum Referenzpunkt der gesamten Omega-3-Herzforschung und führte in mehreren Ländern zu ärztlichen Empfehlungen für Fischölkapseln nach Herzinfarkt.

Die 2000er: Der Omega-3-Index und neue Mechanismen

Die Jahrtausendwende brachte zwei wichtige Entwicklungen. Zum einen etablierten William S. Harris und Clemens von Schacky 2004 den Omega-3-Index als standardisierten Biomarker. Dieser Bluttest misst den prozentualen Anteil von EPA und DHA in den Membranen der roten Blutkörperchen und erlaubt erstmals eine individuelle, verlässliche Aussage über den Versorgungsstatus. Harris und von Schacky zeigten, dass ein Omega-3-Index von 8 bis 11 % mit einem deutlich niedrigeren Risiko für den plötzlichen Herztod verbunden ist.

Zum anderen entdeckte der Harvard-Forscher Charles N. Serhan 2002 eine völlig neue Klasse von Signalmolekülen, die aus EPA und DHA entstehen: die Resolvine und Protectine. Diese Substanzen beenden aktiv Entzündungsprozesse im Körper, ein Mechanismus, den man bis dahin nicht kannte. Die Entdeckung der Resolvine (veröffentlicht unter anderem 2014 in „Nature") erklärte erstmals, warum Omega-3-Fettsäuren nicht nur entzündungshemmend wirken, sondern den Körper bei der aktiven Auflösung von Entzündungen unterstützen. Diese Erkenntnis erweiterte den Blick von der reinen Herzforschung auf ein breites Spektrum entzündungsassoziierter Erkrankungen.

In diese Phase fiel auch die zunehmende Aufmerksamkeit für die Rolle von DHA im Gehirn. Studien zeigten, dass DHA nicht nur ein passiver Membranbestandteil ist, sondern aktiv die synaptische Plastizität und Neurotransmitterregulation beeinflusst. Forschungsgruppen weltweit untersuchten Zusammenhänge zwischen Omega-3-Status und kognitiver Leistungsfähigkeit, Depressionen und neurodegenerativen Erkrankungen.

Kontroversen und kritische Stimmen

Keine Erfolgsgeschichte ohne Kontroversen. Ab den 2010er Jahren häuften sich Studien, die den Nutzen von Omega-3-Supplementen infrage stellten. Große Metaanalysen (z. B. Rizos et al. 2012, Aung et al. 2018) fanden keinen überzeugenden Vorteil handelsüblicher Fischöl-Kapseln bei der Prävention von Herzinfarkten und Schlaganfällen bei gesunden Menschen. Die Europäische Arzneimittelbehörde (EMA) bestätigte 2019, dass Omega-3-Arzneimittel in der Sekundärprävention (also bei Patienten nach Herzinfarkt) nicht wirksam sind.

Auch die Gründungsgeschichte der Omega-3-Forschung selbst geriet unter Beschuss: Der kanadische Kardiologe George Fodor veröffentlichte 2014 eine aufsehenerregende Analyse, in der er nachwies, dass Bang und Dyerberg die niedrigen Herzinfarkt-Raten der Inuit nie selbst gemessen hatten. Stattdessen stützten sie sich auf lückenhafte Berichte des grönländischen Amtsarztes, wobei in den abgelegenen Siedlungen rund 30 % der Bevölkerung überhaupt keinen Zugang zu medizinischer Versorgung hatten. Spätere Untersuchungen zeigten, dass die Inuit durchaus Herz-Kreislauf-Erkrankungen hatten. Der Mythos der „herzgesunden Eskimo-Diät" war in seiner ursprünglichen Form nicht haltbar.

Wichtig zu verstehen

Die Kritik richtete sich nicht gegen die biologische Wirkung von EPA und DHA, die in Tausenden von Studien belegt ist. Sie richtete sich gegen die vereinfachte Erzählung, dass Fischölkapseln allein Herzinfarkte verhindern können. Die Wahrheit ist differenzierter: Omega-3-Fettsäuren wirken dosisabhängig und in einem komplexen Zusammenspiel mit der gesamten Ernährung und dem individuellen Gesundheitszustand.

Das BfR warnte 2023 zudem vor einem erhöhten Risiko für Vorhofflimmern bei Patienten mit bestehenden Herzerkrankungen, die hochdosierte Omega-3-Präparate einnehmen. Diese Warnung verdeutlichte, dass Omega-3-Supplemente kein harmloses Allheilmittel sind und eine differenzierte, ärztlich begleitete Anwendung erfordern.

Die 2020er: Der aktuelle Stand

Die Omega-3-Forschung der Gegenwart ist differenzierter als je zuvor. Statt pauschaler Aussagen steht heute die Frage im Mittelpunkt: Welche Omega-3-Form, in welcher Dosierung, für welche Personengruppe und mit welchem messbaren Zielwert? Der Omega-3-Index hat sich als Leitgröße etabliert, die eine individuelle Bewertung und Steuerung der Versorgung ermöglicht.

Ein wichtiger aktueller Beitrag ist die 2025 veröffentlichte Metaanalyse von Shahinfar et al. (publiziert in „Scientific Reports"), die 58 Studien auswertete und einen messbaren Zusammenhang zwischen der regelmäßigen Einnahme langkettiger Omega-3-Fettsäuren und einer verbesserten kognitiven Leistungsfähigkeit bestätigte, insbesondere beim Gedächtnis und räumlichen Denken. Damit rückt neben der Herzforschung zunehmend die Gehirnforschung ins Zentrum der Omega-3-Wissenschaft.

Parallel dazu wächst die Forschung zu veganen Omega-3-Quellen. Algenöl als pflanzliche EPA/DHA-Quelle wird zunehmend als gleichwertige Alternative zu Fischöl anerkannt. Auch die Nachhaltigkeit der Omega-3-Gewinnung wird intensiver diskutiert: Überfischung der Meere und die ökologischen Kosten der Fischölproduktion treiben die Suche nach Alternativen wie Mikroalgen-Kultivierung voran. Die Geschichte der Omega-3-Forschung ist damit noch längst nicht abgeschlossen.

Die große Zeitleiste: Fast 100 Jahre Omega-3-Forschung

1929

Entdeckung der essentiellen Fettsäuren

George und Mildred Burr weisen nach, dass Fettsäuren lebensnotwendig sind.

1971

Bang und Dyerberg in Grönland

Erste Lancet-Publikation über günstige Blutfettwerte der Inuit trotz fettreicher Ernährung.

1975

Entdeckung von EPA und DHA

EPA und DHA werden im Blut der Inuit identifiziert.

1982

Nobelpreis für Eicosanoid-Forschung

Bergström, Samuelsson und Vane erhalten den Nobelpreis für die Erforschung der Prostaglandine.

1999

GISSI-Prevenzione-Studie

Meilenstein: 20 % weniger Sterblichkeit durch Omega-3 nach Herzinfarkt.

2002

Entdeckung der Resolvine

Charles Serhan (Harvard) entdeckt entzündungsauflösende Botenstoffe aus EPA und DHA.

2004

Einführung des Omega-3-Index

Harris und von Schacky etablieren den Omega-3-Index als Biomarker.

2010

EFSA-Referenzwerte

Die EFSA veröffentlicht offizielle Zufuhrempfehlungen: 250 mg EPA+DHA pro Tag.

2014

Fodor hinterfragt die Inuit-Daten

Kritische Analyse zeigt Schwächen der originalen Grönland-Studien.

2019

REDUCE-IT-Studie

Hochdosiertes EPA-Ethylester (4 g/Tag) senkt das kardiovaskuläre Risiko bei Risikopatienten um 25 %.

2023

BfR-Warnung zu Vorhofflimmern

BfR warnt vor Vorhofflimmern bei hochdosierten Omega-3-Präparaten.

2025

Metaanalyse zur Kognition

Shahinfar et al. bestätigen in einer Analyse von 58 Studien: Omega-3 verbessert die kognitive Leistung.

Zusammenfassung

1929: Die Burrs entdecken essentielle Fettsäuren und legen damit das Fundament.

1971 bis 1978: Bang und Dyerberg identifizieren EPA und DHA bei den Inuit und begründen die Omega-3-Herzforschung.

1999: Die GISSI-Studie liefert den klinischen Durchbruch mit einer 20%igen Senkung der Sterblichkeit.

2000er: Der Omega-3-Index und die Entdeckung der Resolvine eröffnen neue Perspektiven.

Kontroversen: Die Inuit-These wird revidiert, pauschale Supplementempfehlungen werden hinterfragt.

Heute: Über 31.000 Publikationen. Der Fokus verschiebt sich von pauschalen Empfehlungen hin zu individualisierter, indexgestützter Versorgung.

Quellen und weiterführende Literatur

  1. Burr GO, Burr MM: A new deficiency disease produced by the rigid exclusion of fat from the diet. J Biol Chem (1929); 82:345-367.
  2. Bang HO, Dyerberg J, Nielsen AB: Plasma lipid and lipoprotein pattern in Greenlandic West-coast Eskimos. Lancet (1971); 1:1143-1146.
  3. Dyerberg J, Bang HO, Hjorne N: Fatty acid composition of the plasma lipids in Greenland Eskimos. Am J Clin Nutr (1975); 28:958-966.
  4. Dyerberg J, Bang HO, Stoffersen E, Moncada S, Vane JR: Eicosapentaenoic acid and prevention of thrombosis and atherosclerosis? Lancet (1978); 312:117-119.
  5. GISSI-Prevenzione Investigators: Dietary supplementation with n-3 polyunsaturated fatty acids and vitamin E after myocardial infarction: results of the GISSI-Prevenzione trial. Lancet (1999); 354:447-455.
  6. Harris WS, von Schacky C: The Omega-3 Index: a new risk factor for death from coronary heart disease? Prev Med (2004); 39(1):212-220.
  7. Serhan CN: Pro-resolving lipid mediators are leads for resolution physiology. Nature (2014); 510(7503):92-101.
  8. Fodor JG et al.: „Fishing" for the origins of the „Eskimos and heart disease" story. Facts or wishful thinking? Can J Cardiol (2014); 30(8):864-868.
  9. Bhatt DL et al. (REDUCE-IT): Cardiovascular risk reduction with icosapent ethyl for hypertriglyceridemia. N Engl J Med (2019); 380(1):11-22.
  10. BfR-Mitteilung 57/2023: Präparate mit Omega-3-Fettsäuren können bei Herzpatienten das Risiko für Vorhofflimmern erhöhen.
  11. Shahinfar H et al.: A systematic review and dose response meta analysis of Omega-3 supplementation on cognitive function. Sci Rep (2025); 15(1):30610.
  12. Harris WS, Calder PC, Mozaffarian D et al.: Bang and Dyerberg's omega-3 discovery turns fifty. Nature Food (2021); 2:303-305.
  13. Arbeitskreis Omega-3 e. V.: Geschichte der Omega-3-Fettsäuren. ak-omega-3.de.
Ringo Dühmke

Inhaltlich geprüft von Ringo Dühmke

Gesundheitsjournalist mit über 25 Jahren Erfahrung als Chefredakteur von rundumgesund.de und 100-Gesundheitstipps.de. Letzte inhaltliche Prüfung: 17. März 2026. Dieser Artikel basiert auf den oben genannten wissenschaftlichen Quellen.

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